Friedrich Staps

 

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Eltern

 

 

Friedrich Staps

* 14.03.1792 in Naumburg, Sachsen-Anhalt

† 17.10.1809 in Schönbrunn bei Wien, Österreich, hinter der Mauer des Schlossgartens, früh um 7 Uhr. Auf Napoleons Befehl wurde er standrechtlich erschossen.


"Der Knabe lebte neben einem Bruder, der ein Jahr jünger war, inmitten der geheimnislosen Alltäglichkeit des Pfarrhauses still vor sich hin. In dieser wohlge­fügten Andachtsstimmung spielte er gerne den kleinen Prediger, dass die Eltern sich über seine gesetzten, feierlichen Worte wundern mussten. Und nie vergaß er, sein kindliches Morgen- und Abendgebet zu sprechen. Als Schüler führte er sauber sein Tagebuch, diktierte sich selbst mit pedantischer Sorgsamkeit seinen Stundenplan und wich keinen Schritt von seiner Ordnung ab. Mit dem Glockenschlag klappte er das eine Buch zu und machte das andere auf, ohne sich stören oder zu einem Vergnügen locken zu lassen. Sein Gesicht war angenehm und friedlich, die Wangen waren rot, die Lippen voll, die Haare dunkel, aber was mehr wert war als der Körper, sagte der Vater, die Seele da­rin war fromm und rein, der Geist edel und schön. Lieblingslektüre war ihm Schröckhs Weltgeschichte und Voltaires Geschichte Karls XII.

Die Mutter, aus dem Pastorenhaus der Wislicenus im Saaledörfchen Schönburg stammend, besaß ein nicht unbeträchtliches  Vermögen; Gartenland und Weinberge gehörten dazu. Aber man liest nicht, dass der Knabe hier eine Jungensart hätte austoben lassen. Wenn die Mutter ihn bisweilen zu Körperübungen anhalten wollte, zuckte er zurück; das Ballspiel hielt er, als er 10 Jahre alt war, für zu kindisch.

Drüben von Weimar trugen eilfertige Boten die Verkündigungen der wunderbarsten Dichtungen über das Land. In dem Naumburger Pastorenhause weckte sie kein Klingen schönfroher Seelen, und kein Schwärmen sprengte mit glühender Bildkraft die engen Wände. Und doch war in dem Knaben eine Empfänglichkeit. Er las den sehr geschätzten pädagogischen Roman 'Gumal und Lina' des Erfurter Diakonus Kaspar Friedrich Lossius, und der Vater sagte, dass er in seinem 13. Jahre ein Stück daraus dialogisch bearbeitet und dass er später ein anderes kleines Schauspiel gedichtet hat   ....

Der Vater mochte urteilen, dass die Fähigkeiten des Knaben zu einem Universitätsstudium nicht bedeutsam waren; so verzichtete er auf den alten Pastorenwunsch, die Kanzel zur Domäne der Erbfolge zu bestimmen. Und da er beobachtete, dass in dem Jungen ein Sinn für kaufmännisches Wesen steckte und dass ihm das Lateinische wohl schwer, das Rechnen und das Französische leicht fiel und dass er sich auch bisweilen einem Hange zum Englischen und Italienischen hingab, so brachte er ihn im Mai 1806, da er 14 Jahre alt war, nach Erfurt als Lehrling in die Fabrik von Rothstein, Lentin und  Co. Friedrich Staps blieb hier der stille, fromme, strebende Mensch, der einmal commis marchand eines großen Hauses werden wollte  ....

Da kam die Stunde, die den Träumer, den kleinen, schüchternen Kaufmannslehrling, weckte, die seine Stirne mit einem Leuchten berührte und seine Seele mit einer über­irdischen Verheißung erfüllte. Kein Wort, kein Tagebuchblatt, kein Brief wird Zeugnis. Aber es geschah, dass ihn Freunde über ein Buch gebückt fanden; und sie sahen, dass es Schillers Jungfrau von Orleans war. 'Gott wird auch in den Schwachen mächtig; die zarte Kraft ersieht er sich zu seinem Werkzeug, wenn er die Völker befreien will', waren es diese Verse, auf die er starrte? Sein Vater sah ihn zu dieser Zeit so: 'Seine Handschrift ist von gesuchter Gefälligkeit. Er redet das Deutsche rein, nur dass er sich 'au' statt 'auch' angewöhnt hat. Seine Miene ist ernsthaft, aber beim Sprechen freundlich und gefällig. Er spricht englisch und französisch. Er trägt einen brauen Überrock mit gelben Knöpfen, ein Nanking-Jäckchen darunter, eine Nanking-Mütze, neue aschgraue melierte Beinkleider und Zugstiefel'.

Seine Chefs, die Herren Rothstein und  Lentin schätzten seine treue Aufmerksamkeit und die Simplicité seines Charakters. Gerne ging er ins Theater, wo ihm das lebhafte, vornehme Spiel der französischen Schauspieler besser behagte als die steife Geziert­heit der Deutschen. Seine Freunde waren ein paar Kaufleute, jung wie er und ohne Hang zu politischen Debatten: Walther, Blaß, Bellermann. Am nächsten stand ihm Zerrenner, ein Kommis in der Kaiserschen Buchhandlung. Vielleicht hat durch ihn auch die Schrift ihren Weg zu Friedrich Staps gefunden, um derentwillen der Kaiser 1806 den Nürnberger Buchhändler Palm in Braunau hatte erschießen lassen.

Und dann war da eine Dame. Er liebte sie verschwiegen und errötend und trug ihr Bild bei  sich. Als er einmal mit seinem Bruder am Hause ihres Vaters vorüberging, sagte er: 'Da  wohnt meine Liebste'. Nichts weiter. Sie ist die Unbekannte geblieben. Allen seinen Freunden erschien er als ein braver, rechtlicher Junge und ein wenig philiströs. Sie lächelten, wenn er von sonderbaren Traumbildern himmlischer Erleuchtung erzählte und dass er Husar werden will   ....

Dann bat er etwas wichtig, seine Briefe, in denen nichts Gefährliches zu lesen war, zu vernichten, als ob er die Möglichkeit einer politischen Verdächtigung fürchten müsste. Heimlich bohrte er sich in seine Erlösergedanken hinein.

Da fuhr die Meldung von der mörderischen Niederlage des Erzherzogs Karl bei Wagram herab und das Gerücht vom Waffenstillstand bei Znaim. Das hieß: nun verendet Österreich und mit ihm werden Preußen und Deutschland und die Freiheit der Welt sterben. Oder wacht noch der Gott des Alten Testaments, der Gott der Rache? Es geschah damals, dass Friedrich Staps eines Abends, als er mit seinen Freunden beim Punsch saß, den Gedanken eines Attentats auf den Kaiser hinwarf. Zerrenner und Walther sahen ihn entsetzt an, und jetzt tat er, als wären seine Worte sinnlos und nur Eingebung einer blassen Idee gewesen. Noch sorgsamer verbarg er nun, was er sann, vor allen Menschen   ....

Die Mutter reiste [nach  Erhalt des Abschiedsbriefes vom 25. oder 28.9.1809] eilends nach Erfurt; sie traf den Sohn nicht mehr. Ihr Suchen und Fragen war vergebliches Sorgen. Herr Lentin hatte nur einen Abschiedsbrief ohne Datum: 'Ich kann nicht länger in Erfurt bleiben; erforschen Sie nicht, wo ich bin. Ich bitte Sie, meine kleinen Schulden zu bezahlen. Mein Schrankschlüssel  liegt im Kamin hinter den Gardinen'. Die Freunde wussten auch nichts. Zerrenner, Walther und Blaß hatten nur die gleichen Abschiedsbillete erhalten. Sie sollten ihn nicht suchen - 'man würde ihn unter den Siegern oder unter den Toten auf dem Schlachtfelde finden.' ...

Einen langen Brief der Mutter an den verlorenen Sohn hatte die französische Geheimpolizei ihren Akten eingereiht. Er ist vom 29. Sept. Die arme Frau fährt in Jammer und Tränen auf: 'Ach mein Sohn, mein Sohn - wie Du mich mit Kummer überhäufst, Deine Eltern tötest! Hier liege ich verlassen in Deiner kleinen Stube und weine und stöhne und suche Dich. Ich breite die Arme aus und schreie zu Gott, dass er Dich leiten möge. Ich flehe und lasse nicht ab, bis er spricht: Dein Sohn wird wiederkommen! Gott hat dem Abraham befohlen, seinen Knaben zu opfern, doch er hat das Opfer nicht angenommen  ....  Dein Vater ist zu Tode erkrankt, als er von Deiner Flucht gehört hat. Mache ihn gesund, komme zurück! Werde die Stütze unseres Alters!'   ....   Der Vater setzte die Nachschrift dazu: 'Bedecke nicht mein altweißes Haar mit Schmerz, komme wieder und mache Deine Eltern nicht zu Toten und Deinen Bruder zum Waise!'   ....

Friedrich Staps verschaffte sich in Erfurt durch eine Eingabe, unter der er den Namenszug seines Chefs Lentin gefälscht hatte, vom Polizeikommissar einen Pass nach Naumburg zu seinen Eltern. Den Bestimmungsort  radierte er aus und schrieb dafür Wien. Von einem Kaufmann Rothe lieh er 11 Friedrichsd'or. Nun blieb er unbelästigt auf der ganzen Reise. Sie führte ihn in den ersten Tagen in einem mit einem Fuchs bespannten Kabriolett, das er am 24.9. gemietet hatte, über Ilmenau und Ernstthal nach Eisfeld an der Werra. Dort verkaufte er das Fuhrwerk, das ihm nicht gehörte, und gelangte auf einem Reitpferde allmählich nach Coburg und Bayreuth. Hier veräußerte er das Pferd, marschierte zu Fuß nach Amberg und erreichte im Fiaker die Stadt Regensburg. Ein Reiseschiff brachte ihn schließlich die Donau abwärts nach Wien. Am 7. Oktober 1809 war er gegen Abend da. In der Nacht schlief er in einem Hause der Leopoldstadt, dann wohnte er im 'Elend' Nr. 188. Hier blieb er bis zur Verhaftung.

Er saß bisweilen in den Kaffeehäusern und las die Journale; ging auch einmal in die Komödie. Französische Husaren und Füsiliere, die seine Herbergsgenossen waren, erzählten ihm von den kaiserlichen Paraden im Schlosse zu Schönbrunn. Da ging er am 8. Okt., einem Sonntage, hinaus, um das soldatische Schauspiel aus dem Zulauf der Schaulustigen heraus zu sehen.

Er hatte auf der ganzen Reise einen Stockdegen als Waffe getragen. Nun mochte ihm, als er die Gelegenheit prüfte, dünken, als sei im Menschengedränge diese lange biegsame Klinge doch ungeschickt zu handhaben; und ein fester Dolch schien ihm flinker und zum scharfen Stoß behänder. Er ging nach Wien zurück und kaufte in einem Laden ein Küchenmesser, ließ beide Seiten der Klinge scharf und zu einer Spitze schleifen, so dass er nun einen gefährlichen Dolch hatte. Die Schneide steckte er in eine Papierrolle, lose mit einem Faden verbunden, und trug den Stahl locker in der Brusttasche des Überrockes, jederzeit zur raschen Handhabe bereit. Im Hofe von Schönbrunn hatte er von einem Gardeoffizier erkundet, dass die nächste kaiserliche Truppenparade am Donnerstag, den 12. Okt., sein sollte. Sorgsam bis ins einzelne hatte er seinen Plan gebaut, ohne einen Vertrauten, ohne fremde Hilfe. Das Unsichere der Jünglingshaftigkeit hatte sich in der Einsamkeit zur festen Entschlossenheit geklärt.

Seit dem Siege bei Wagram hatte Napoleon in dem Schlosse Schönbrunn residiert, um in behaglicher Atempause von hier aus die Friedensverhandlungen mit dem Kaiser von Österreich nach seinem Willen zu lenken. Immer liefen die Wiener in Scharen hinaus. Es gehörte zu seinem Tagesprogramm, auf dem weiten Schlosshofe dieses oder jenes der hart mitgenommenen Regimenter mit seiner Huld zu begrüßen.

Auch zur Mittagsstunde des 12. Okt. kam er mit großem Gefolge die Freitreppe herab und schritt auf den rechten Flügel der paradierenden Infanterie zu. Die Janitscharentrommeln schlugen an, die Musik setzte ein, die Adler reckten sich, da geschah es. Ein junger Mensch drängte sich aus der Menge der Schauenden zwischen den Posten hindurch. Er kam bis auf zwei Schritte an den Kaiser heran, ohne dass jemand auf ihn acht gab. Der Marschall Berthier aber stand plötzlich zwischen ihm und dem Kaiser: "Was wollen Sie?" -  "Ich will den Kaiser sprechen!"  - Der Aufgeregte hatte den Über­rock geöffnet und die rechte Hand an die Brusttasche gelegt, als wolle er eine Schriftrolle hervorziehen. "Geben Sie sie mir!" rief Berthier. - "Nein, ich will sie dem Kaiser selbst reichen."

Berthier fasste den Drängenden am Knopfloch seines Überrockes und riss ihn mit einem Ruck zur Seite: "So nähert man sich nicht seiner Majestät!" Zugleich rief er den General Rapp, der Flügeladjutant vom Dienst war: "Untersuchen Sie das Papier des jungen Mannes. Er scheint mir verdächtig." Rapp übergab den Verdächtigen den Gendarmen. Die führten ihn auf die Wache und fanden in dem Papier den Dolch. Berthier befahl, von dem Vorfall jetzt nicht weiter zu sprechen ....

Staps weigerte sich, etwas zu gestehen: "Sie können mit mir machen, was sie wollen; ich bin bereit zu sterben." Die Gendarmen fanden außer dem Messer noch einige Kleinig­keiten, eine Börse, ein paar Silhouetten seiner Freunde und seiner Liebsten. Als man ihn fragte: "Lieben Sie den Kaiser?" erwiderte er: "ich halte ihn für einen Grandhomme". - "Was wollen Sie von ihm?" - Er mit verzweifeltem Gesicht: "Ah, c'est mon secret"...

Rapp hatte bei der Parade den jungen Staps den Gendarmen übergeben. Dann ging er auf die  Wache. Der Arretierte lag hier in der Stube auf dem Bette, neben ihm das Bild des jungen Mädchens. Jetzt bekannte er ohne Zögern, dass er den Kaiser hatte töten wollen. Rapp erstattete dem Kaiser Bericht. Der hörte ihm zuerst ungläubig mit halbspöt­tischer Miene, dann sichtlich beunruhigt zu. Er befahl Savary, den Herzog von Rovigo und Chef der Geheimen Polizei, den Verhafteten in sein Kabinett zu führen.

Da stand dieser vor dem Gewaltigen, die Hände auf dem Rücken gebunden, zwischen zwei Gendarmen ... Friedrich Staps war nicht eingeschüchtert von der Majestät, doch neigte er sich  respektvoll ... "Woher sind Sie?" - "Aus  Naumburg" - "Was ist Ihr Vater?" - "Protestantischer Geistlicher" - "Wie alt sind Sie?" - "18 Jahre" - "Was hatten Sie mit dem Messer vor?" - "Ich wollte Sie  töten" - "Sind Sie von Sinnen, junger Mann? Sind Sie Illuminat?" - "Ich bin nicht von Sinnen; ich weiß nicht, was Illuminat ist" - "Sind Sie also krank?" - "Ich bin nicht krank, ich bin gesund" -"Weshalb wollten Sie mich töten?" - "Weil Sie das Unglück meines Landes verschulden." -

"Habe ich Ihnen Schlechtes zugefügt?" - "Mir wie allen anderen Deutschen." - "Von wem sind Sie hergeschickt, wer hat Sie zu diesem Verbrechen angestiftet?" - "Niemand. Es ist meine feste innere Überzeugung, dass ich, indem ich Sie tötete, meinem Vaterlande und Europa einen großen Dienst erweisen würde. " - "Sehen Sie mich zum ersten Male?" - "Ich habe Sie schon damals in Erfurt gesehen." - "Hatten Sie da schon die Absicht, mich zu töten?" - "Nein, ich glaubte, Sie würden keinen Krieg mehr gegen Deutschland führen; ich war ihr größter Bewunderer." - "Sie sind von Sinnen, wie ich Ihnen sagte, oder Sie sind krank." - "Weder das eine noch das Andere."

"Man hole den Leibarzt Corvisart!" unterbrach Napoleon den Dialog. Der kam, fühlte dem jungen Manne den Puls, erklärte ihn für gesund. Da nahm der Kaiser das Verhör wieder auf: "Sie sind überspannt. Sie werden Ihre Familie ins Unglück bringen." Und mit einer gütigen Aufwallung trat er auf ihn zu: "Ich will Ihnen das Leben schenken, wenn Sie Reue empfinden und Verzeihung erbitten." Jetzt straffte sich der Deutsche: "Ich will keine Verzeihung. Es tut mir leid, dass ein Erfolg ausblieb." - Und Napoleon auffahrend: "Den Teufel auch! Gilt denn in Ihren Augen ein Verbrechen nichts?"

"Sie zu töten ist kein Verbrechen, sondern Pflicht!" - "Wen stellt das Porträt dar, das man bei Ihnen fand?" - "Ein junges Mädchen, das ich liebe" - "Sie wird sich über Ihr Beginnen grämen." - "Sie wird sich grämen, weil es mir misslungen ist, was ich wollte. Sie verabscheut Sie genau so wie ich." - "Wenn ich Sie begnadige, würden Sie mir dankbar sein?" - "Ich würde Sie trotzdem töten!"

Napoleon zuckte zusammen und bewahrte kaum die Haltung. Er wusste nicht mehr, was er fragen sollte, und ließ den Gegner, den er doch zu achten wusste, abführen. Das Gespräch hatte eine halbe Stunde gedauert   ....

Friedrich Staps verbrachte im Gefängnis bei Wasser und Brot die nächsten zwei Tage. Am 13. Okt. wurde der Verhaftete zur Interrogation, zum Verhör, geholt...    "Weshalb sind Sie arretiert?" - "Ich nehme an, weil ich mich gestern nach Schönbrunn be­geben hatte mit der Absicht, den Kaiser Napoleon zu fragen, ob er bereit wäre, Frie­den zu machen oder nicht und im Falle, dass er nein sagte, mit einem Dolche zu töten!" So hatte er bedachtsam das Gesetz seines Handelns in eine Formel gefasst. Er deckte dann nach und nach seine Gründe auf. Seine Tat sollte dem endlosen Geflecht der Kriege ein Ende machen, die Deutschland, Holland, Spanien, England, Frankreich, ganz Europa in Stücke schlugen. Als neue Aushebungen ausgeschrieben wurden, um 20 000 sächsische Konscribierte gegen Österreich zu werfen, war er auf seinen Weg gesprungen.

Der Kommissar: "Ihr Vater ist Pfarrer. Sie mussten doch wissen, dass der Mord eine Sünde ist, für die keine Vergebung von Gott kommt" - "Das weiß ich wohl. Ich wollte dennoch lieber mein Leben lassen für das Wohl Europas und der ganzen Menschheit, als untätig in solchem kostbaren Augenblick zu  verharren, und ich war ganz fest überzeugt, dass meine Tat den Zorn des Höchsten besänftigen und mich belohnen würde, weil ich die Menschheit von einem Herrscher befreite, der die Ursache aller Kriege war."

Zum zweiten Male kam jetzt von seinen Lippen die Formel, die ... im Protokoll hingesetzt ist:   "Je m'étais proposé de la demander: Aurons nous la paix ou non? Et en cas qu'il n'aurait pas daigné me répondre ou s'il m'aurait donné une réponse négative, je m'étais décidé à lui enfoncer un poignard dans le coeur ..."  "Ich war entschlossen, nichts konnte meinen Entschluß stürzen. Ich blieb  völlig ruhig und habe nicht gezittert ... Als braver Soldat hätte ich Morde begehen müssen,   die dem Vaterlande nichts nützen konnten;nun wollte ich mit einem Morde dem ganzen Volke einen Dienst erweisen. Strafen, Züchtigungen, Folterqualen vermochten mich nicht zu schrecken ... Es sollte wieder Frieden sein auf Erden!"

Der Kommissar fragte: "Wissen Sie nicht, dass Seine Majestät es war, der den Bürgerkrieg in Frankreich beendete, der in der Unruhe der Welt die Ordnung sichert, allen Religionen Freiheit des Kultus gewährt, die Grundsätze der Moral hergestellt und selbst mit dem Papst seinen Frieden geschlossen hat? ... Und wissen Sie nicht, dass der König von Preußen es war, der das Land Sachsen in den Krieg riss? Dass Napoleon dem König von Sachsen einen günstigen Frieden bewilligte? Dass für den letzten Krieg und seine unheilvollen Folgen allein der Kaiser Franz verantwortlich ist?" - Die zage Antwort  war: "Ich habe nie darüber nachgedacht. Jetzt sehe ich ein, dass ich im Irrtum war!"

Der nächste Tag des Verhörs ergab nichts Neues. Der Verhaftete gab Auskunft über seine Lehrzeit und seine Freunde. Auch nannte er den Namen der Freundin in Erfurt: Charlotte Bellermann, die Tochter eines Kaufmannes, mit der er nicht gesprochen und auch keine Liebeserklärung gemacht hatte. Von seinem Projekt hat er ihr nichts erzählt ...

Und Friedrich Staps? Er ist stark gewesen, hat wie ein Mann gestanden. Der wochenlange, bittere Zweikampf der Gedanken, die Seelennot des von aller Welt Verlassenen, der mystische Drang der Berufung, der Sturz von der erträumten Höhe ins Nichts - das alles hatte ihn müde und weich gemacht  - Er sagte: "Ich bereue vom Grunde meines Herzens auf, dass ich die Größe des Monarchen nicht zu bewundern vermochte, und dass ich ohne vernünftigen Grund gegen ihn einen Hass gefasst hatte, der verblendet und ungehörig war!" ...

Das Majetätsverbrechen war nur mit dem Tode zu sühnen. Doch die  Wortfassung des Urteils  trifft wie ein Stoß juristischer Willkür. Es lautet: Der Angeklagte ist des Todes schuldig wegen Spionage, "accuse d'espionage ... sera puni de mort". Spionage? Keine Frage, keine Antwort hatte an dieses Wort gerührt. Aber das Wort assassinat hasste der Kaiser, und deshalb musste es aus der Welt geschafft werden. Am Schluss des Aktenstückes hat am Morgen des ... 10. Okt. 1809 die Hand des Eskadronchefs Cavalli diese Notiz geschrieben: 'Das Urteil ist dem Angeklagten in Gegenwart der versammelten Garde gestern abends 7 Uhr vorgelesen, und er ist heute Morgen 6 Uhr erschossen - il a passé par les armes'. Es steht nichts weiter in den Prozessakten, auch nicht eine Unterschrift Napoleons. Hätte er das Protokoll vor Augen gehabt, würde er vielleicht das edle Wort Gnade gesprochen haben.

Am 16. Okt. 1809 zu derselben Stunde, da  Friedrich Staps vor dem Erdhaufen zusammenbrach, ließ Napoleon den General Rapp holen und ging mit ihm zu Fuß auf die große Heeresstraße hinaus, um die Garde zu grüßen, die nach der Heimat abrückte. Sie stan­den beide ganz allein. Ganz vertraulich legte er die Hand auf die Schulter des Generals: 'Es gibt wohl kein Beispiel, dass ein junger Mann in seinem Alter, ein Deutscher, ein Protestant und wohlerzogen, solch ein Verbrechen hat begehen wollen. Suchen Sie zu erfahren, wie er gestorben ist.'

Die Antwort erteilte tags darauf der General Lauer: 'Am 15. Okt. hatte der Verurteilte den Spruch vernommen und darauf jede Speise abgelehnt und gesagt: "Mir bleiben noch Kräfte genug, um die Richtstätte zu erreichen.“ Dann ist er ruhig seinen Weg gegangen ... "

Die Akten (89 Folioseiten) des totgeschwiegenen Attentats kamen auf Befehl Napoleons sekretiert ins französische Nationalarchiv und erst 1942 in deutschen Besitz. Die Nachforschungen der Angehörigen und Freunde konnten erst beginnen, als Napoleons Macht 1814 gebrochen war.

"Am 5. Februar 1821 ließ der Vater folgende Familienanzeige in das Naumburger Kreisblatt drucken: 'Unser unvergesslicher Fritz, ein freiwilliges Opfer deutscher Vaterlandsliebe, fand 1809 in Schönbrunn sein Grab ... Dies melden wir unseren Freunden, verbitten aber alle Beileidsbezeugungen. Magister F. G. Staps, J. C. Staps, geb. Wislicenus'.

Am Ende des 3. Jahrzehnts wurden dann wieder plötzlich halbverwehte Spuren des letzten Weges, den Friedrich Staps gegangen ist, wieder sichtbar. Sie fanden sich in den alten Akten des Oberlandesgerichts in Naumburg. Die Pastorin Johanna Catharina Staps, geb. Wislicenus übergab im Jahre 1828 ihr Testament dem Auskultator Beyer. Sie vermachte ihre Kapitalien, Ackerländereien, ihren Weinberg und Obstgrund, ihr Haus mit Möbeln, Betten, Silberzeug usw. ihrem Manne und, da sie keine Kinder mehr hatte, anderen entfernten Verwandten. Bei der Entsiegelung der Urkunde nach ihrem Tode 18.2 [unleserlich] gab der Witwer zu Protokoll, dass der Ehe 2 Söhne entstammt waren. Der jüngere, Karl, der dann als Handlungs- und Reisediener  1821 in Florenz gestorben war, und der ältere, Friedrich, 'der, wie  verlautet, 1809 nach Wien und Schönbrunn ging und der Sage nach allda auf Befehl des Kaisers Napoleon erschossen sei'. Den  Totenschein des jüngeren Sohnes konnte der Vater beifügen. Über den Tod des älteren war nichts Urkundliches zur Stelle ... -

Der Hausbesitzer Joseph Zwirner in Fünfhaus sagte aus, dass, als Napoleon drüben in Schönbrunn residierte, bei ihm ein Wachtmeister der französischen Gendarmen im Quartier lag, ein Deutscher von Geburt. Der wurde oft zum Dienst nach dem Schlosse kommandiert. Eines Tages erzählte er, dass ein junger Mensch, dem Gerüchte nach ein Pastorensohn aus Erfurt, den Kaiser mit einem Dolche habe töten wollen. Der Zeuge Zwirner erfuhr, dass man den Verbrecher ergriffen und an demselben Tage in ein Arrestlokal  gebracht habe und zwar in die Obstkammer neben der Gärtnerwohnung des Baron Arensteinschen Hauses am Braunen-Hirsch-Grunde. 3 oder 4 Tage später durfte Zwirner durch die Vermittlung des Wachtmeisters der Hinrichtung zusehen. 'Es war an einem Montage morgens nach neuen (?) Uhr. Gendarmen führten den Jüngling auf das Feld hinter dem Karmeliterhof in Fünfhaus. Er war 18-19 Jahre alt, blass im Gesicht, von mittlerer Statur, trug einen braunen Rock, aber keinen Hut. Die Daumen hatte man ihm zusammengebunden. An der Richtstätte war eine württembergische Infanterie aufmarschiert. Ein Geistlicher war nicht zugegen. Vor dem ausgeworfenen Grabe musste der arme Sünder niederknien. Nach dem ersten Feuern verharrte er in dieser Stellung. Da er nicht zu Tode getroffen schien, feuerten die Württemberger noch einmal. Da brach er zusammen. Man verscharrte ihn alsbald, ohne seine Daumen voneinander zu lösen' ... Von einem letzten Freiheitsrufe hatte der Zeuge nichts vernommen ... -

Pankratius Ringloff war 1809 im Arensteinischen Hause Hausknecht gewesen. 'Eines Abends im Oktober 1809 gegen 10 Uhr führten französische Gendarmen einen Arrestanten in die ebenerdige Stube neben dem Salon des Hauses. Ich musste unmittelbar darauf ein großes Zimmer zum Standgericht herrichten. Dann kam ich noch einmal in dieses Zimmer, als alle Herren beisammen waren. Es waren lauter Offiziere der Gendarmen, die ich persönlich kannte. Ein österreichischer Beisitzer war nicht hinzugezogen. Die Sitzung dauerte bis über Mitternacht. Am anderen Morgen, als ich einzuheizen hatte, musste ich durch das Zimmer gehen, in dem der Gefangene saß. Er war ungefähr 20 Jahre alt, mittelgroß, untersetzt. Sein Gesicht war rund, wohlgeformt und hochrot, als ich ihn anschaute. Er trug einen grünen Gehrock, weißes Halstuch, dunkle Hosen und enge Stiefel mit Quasten. Dann holten ihn die Soldaten. Als ich mit dem Einheizen fertig war, kamen sie von seiner Hinrichtung zurück und erzählten, er sei erschossen, weil er den Kaiser Napoleon habe erstechen wollen und schon bis zu dessen Tür vorgedrungen sei. Er sei aus dem Braunschweigischen und von reichen Eltern ...'

Dies alles meldeten die Berichte der Wiener Polizei vom Jahre 1830. In einigen Aussagen über das Geschehnis im Jahre 1809 ist etwas uneben, doch das ist belanglos. Jedenfalls genügten sie dem Oberlandesgericht  in Naumburg, um endlich 1831 den Verschollenen gesetzlich für tot zu erklären. "

[Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch von Prof. Dr. Borkowsky/Naumburg: Das Schönbrunner Attentat, o.O., o.J., das unter Benutzung der 1942 an deutsche Geschichtsforscher übergebenen Akten des französischen Nationalarchivs in Paris den wahren Verlauf der Affaire festhält. Weniger genau verfährt Mathilde v. Gellhorn, geb. v. Kleist:: Friedrich Staps, Historisches Schauspiel in 5 Aufzügen, 1909 geschrieben.]


"Friedrich STAPS ist bekannt durch seinen Attentatsversuch gegen Napoleon I. Er wurde am 14. März 1792 zu Naumburg an der Saale geboren als Sohn des Pastors an der St. Othmar-Kirche Friedrich Gottlob STAPS und seiner Ehefrau Johanna Katharina, geb. WISLICENUS, Tochter des Pastors WISLICENUS in Schönburg bei Naumburg. Er erlernte die Kaufmannschaft in Leipzig und war zunächst dort, dann in Erfurt in Stellung.

Um seinen Entschluss auszuführen, wanderte er nach Wien und begab sich am 13. Oktober 1809 nach Schönbrunn, wo Napoleon Revue hielt. Der Kaiser stand zwischen BERTHIER und RAPP, als der Jüngling sich hinzudrängte und den Kaiser zu sprechen verlangte. RAPP wies ihn zurück mit dem Bedeuten, sein Gesuch nach der Musterung vorzubringen. Da ihm aber Blick, Ton und Haltung des jungen Menschen auffielen, so ließ er ihn verhaften und ins Schloss führen.

Hier fand man bei ihm ein großes Küchenmesser, und auf die Frage, wozu er das Messer bei sich trüge, gestand er erst RAPP, dann dem Kaiser selbst unerschrocken seine Absicht, den Kaiser zu töten. Die Frage des Kaisers: "Wie nun, wenn ich Sie begnadige, werden Sie mir es danken?"beantwortete er mit den Worten: "Ich werde darum nicht minder Sie töten."

General LAUER musste ihn nochmals verhören, um zu entdecken, ob er das Werkzeug geheimer Feinde sei, doch STAPS beharrte dabei, dass es sein eigener freier Entschluss gewesen sei und dass niemand darum gewusst habe. Am 17. Oktober 1809 früh um 7 Uhr wurde er erschossen."  [Brockhaus Conversations-Lexikon]

 


Abschiedsbrief von Friedrich STAPS an seine Eltern:

"Erfurt den 28. September 1809. Theuersten Eltern! Diesen Brief wird Ihnen der gute Vetter in Hassenhausen überreichen, nachdem er Ihnen beigebracht hat, dass Sie mich nicht wieder sehen. Ach! Könnte ich Ihnen fühlbar machen, wie schwer es mir wird, dieses Ihnen zu schreiben, und doch muss ich!

Ja, ich muss fort, fort um zu vollbringen, was mir Gott geheißen, was ich Ihm fürchterlich heilig geschworen habe zu vollbringen. Fort muss ich, um Tausende von ihrem Verderben, vom Tode zu erretten und dann selbst zu sterben. Was, und wie ich das thun will, darf ich selbst Ihnen nicht entdecken.

Schon vor einigen Wochen kam ich auf den Gedanken, dieses zu thun, doch fand ich überall Hindernisse; als zwei Tage darauf bei einer unangenehmen Nachricht ich Gott bat, mir Mittel zu geben, um mein Vorhaben ausführen zu können, da wurde mir so hell vor den Augen, mir war es, als sähe ich Gott in seiner Majestät, der mit donnerähnlichen Worten zu mir sprach: 'gehe hin und thue, was du dir vorgenommen hast; ich werde dich leiten, dir behilflich sein, du wirst deinen Zweck erreichen, doch dein Leben zum Opfer bringen müssen, aber dann bei mir ewig froh und selig sein'.

Da hob ich meine Hände auf zu ihm und schwor fürchterlich und heilig, ihm zu gehorchen bis in den Tod, und verlangte hier keine frohe Stunde und dort ewige Verdammnis, wenn ich meinen Schwur brechen würde. Ach! schon damals hätte ich gehen sollen, aber ich war zu wankelmütig, bereute oft, was ich geschworen hatte, doch mein Gewissen wacht jetzt auf und sagt mir: 'gehe, eile fort, jetzt ist noch Zeit, aber höchste Zeit, drum eile! '

Es reißt mich fort mit Riesengewalt zu meinem Schicksal hin, dessen Laufbahn bald geendet, herrlich geendet sein wird, denn dann erwartet mich jene Seligkeit, jene ewige Herrlichkeit, die mir Gott verheißen hat. Ja, lieben Eltern, trauern Sie nicht über mich, freuen Sie sich, einen Sohn zu haben, der dieses unvollkommene Leben bald mit jenem besseren vertauscht. Ihnen nur verdanke ich es und Ihren guten Lehren, dass ich standhaft und gottergeben bis in den  Tod bin. Sie lehrten mir es, für Gottes Sache, für das Glück, das Leben meines Nächsten zu retten, nicht den Tod zu scheuen.

Ja, ich kann ruhig, freudig ihm entgegen gehen; wie die Apostel thaten, will ich lächelnd sterben; dort sehen wir einst verklärt uns wieder! Dort wird nichts uns trennen, nichts unsere Freude stören. Dort finde ich auch die Geliebte wieder, die ich hier verlassen muss, denn Gott verlangt ein großes Opfer.

So sage ich Ihnen, lieben Eltern, Dir, lieber Bruder, und allen Freunden und Bekannten das  letzte Lebewohl und meinen Dank für alles, was Sie von Kindheit auf für mich getan, für die Sorgen und Mühe, die Sie für mich hatten, für die guten Lehren und für alles, was Sie mir gaben. O, Sie thaten es nicht vergebens, denn Tausende werden es Ihnen danken und für Sie beten.

Zu der Reise, die ich machen muss, habe ich verschiedenes, was ich nötig hatte, geborgt, auch etwas Geld; ich bitte Sie, dieses Letzte noch für mich zu bezahlen. Den Schlüssel zu meinem Schranke hat Centin. So sei denn Gott mit Ihnen, wie er mit mir sein wird, denn er wird immer mit seiner allmächtigen Hand leiten Ihren bis in den Tod gehorsamen Sohn        Fritz.

Ach ich kann noch nicht schließen! Haben Sie nochmals für alles Dank! Verzeihen Sie mir meine Fehler und das, womit ich Sie beleidigt habe, sowie auch, dass ich Sie jetzt nicht um Rat fragte. Tausendmal habe ich zu Gott gebetet: 'Himmlischer Vater, muss es sein? Muss ich gehen? Und wie soll ich es möglich machen?' - 'Du musst fort', donnerte mir jene Stimme zu, ich begleite und führe dich, was brauchst du mehr? Sei unverzagt und gehe!'

Würde ich jetzt noch bleiben, so würde ich keinem ehrlichen Menschen ins Gesicht sehen, ohne als ein Meineidiger zu erröthen. Ein kalter fürchterlicher Schauer würde mich überfallen, wenn ich an jenes Leben dächte, wo dann nur Qualen meiner warten würden. So denke ich jetzt mit Vergnügen daran, denn ich weiß, Gott wird mich aufnehmen in seine Herrlichkeit.

Am Sonntag war ich in der Kirche, da wurde vom Sterben gepredigt. Dieses hat mich ganz standhaft gemacht, und ich fühle die letzten Worte der Predigt in ihrem ganzen Umfange: 'Sei erhaben übern Staub, unsterblich ist des Menschen Geist!' ".


In einem Gedicht hat Christian Friedrich Hebbel zu diesem Attentat geschrieben:

Napoleon und Staps.

 

Wie vor Varus, den Römer, so trat im geknechteten Deutschland
    Vor Napoleon auch mahnend die Nemesis hin.
Hätt' er den Jüngling verstanden, der, ohne zu zittern, das Leben
    Vor die Füße im warf, als er's ihm wieder geschenkt:
Nimmer hätt' es der Völker bedurft, ihm die Lehre zu geben,
    Dass der germanische Geist immer den sittlichen rächt.

40 000 Tote auf dreihundert Seiten: Patrick Rambaud erzählt, wie Napoleon die Schlacht von Aspern verlor

In Patrick Rambauds Roman "Die Schlacht", der in Frankreich mehr als sechshunderttausendmal verkauft wurde und seinem Verfasser den Prix Goncourt einbrachte, erfährt der Leser ganz der Wahrheit getreu, wie die französische Ponton-Brücke verbrannte, und auch sonst ist für Treue im Detail gesorgt. Abweichungen vom historisch Verbürgten hat der Autor im Anhang ausdrücklich vermerkt. Nicht nur Figuren, Kostüme und Anekdoten gehen auf historische Vorbilder zurück, die Idee zum Roman selber wurde aus dem 19. Jahrhundert geborgt. Einen Roman über die Schlacht von Aspern hatte Balzac mehrfach angekündigt, ohne ihn je zu schreiben. Umso deutlicher wusste er anzugeben, wie das Werk beschaffen sein sollte. "Darin werde ich Sie mit allen Gräueln, allen Schönheiten eines Schlachtfeldes vertraut machen . Selbst ein kühler Kopf soll in seinem Sessel die Gegend vor sich sehen, das Gelände, die Menschenmassen, die strategischen Schachzüge, die Donau, die Brücken, soll die Details und den Kampf als Ganzes bewundern, die Artillerie hören, sich für die Bewegungen der schachbrettförmigen Aufstellung interessieren, alles sehen, in jeder Äußerung dieses großen Heers Napoleon spüren, den ich nicht zeigen werde oder den ich am Abend auftreten lasse, wie er in einem Boot die Donau überquert. Kein weibliches Gesicht, nur Kanonen, Pferde, zwei Armeen, Uniformen; auf der ersten Seite ertönt die Kanone, auf der letzten verstummt sie; Sie werden sich durch den Rauch hindurch lesen, und wenn Sie das Buch wieder zuschlagen, sollten Sie alles intuitiv erfasst haben und die Schlacht in Erinnerung behalten, als wären Sie dabei gewesen."

Das Programm eines historischen Romans im üblichen Sinne ist das nicht. Glaubt man Balzacs Brief an Madame Hanska, dann ging es ihm vielleicht auch um die Beschreibung des neueren Kriegswesens, vor allem aber um die Überwältigung des Lesers. Kein sentimentales Interesse an der Person des Kaisers oder weiblichen Gesichtern sollte den Blick des Lesers für die Großartigkeit der modernen Militärmaschinerie trüben. Sie wäre der Held des Balzac'schen Romans geworden.

Patrick Rambaud hat sich in jedem Punkt für das Gegenteil entschieden. Napoleon tritt mehrfach auf, wir erfahren, dass er dick geworden ist, unbeherrscht reagiert und sich ab und an stark fühlt - ein Kalenderbild historischer Größe. Aber die Prominenz des Kaisers, seiner Generäle und Offiziere reichte Rambaud nicht. Daher lässt er auch den jungen Henri Beyle auftreten, der später als Stendhal beschreiben sollte, wie die hoch gestimmten Erwartungen eines jungen Helden mit der Wirklichkeit der Schlacht von Waterloo zusammentreffen: ",Es ist das erste Mal, dass ich einer Schlacht beiwohne , sagte er dem Wachtmeister, ,doch ist das auch eine wirkliche Schlacht? " Seit der "Kartause von Parma" scheint die so entstehende Komik dem Sujet angemessen.

Aber Rambaud wollte auf bengalische Beleuchtung nicht verzichten. So darf auch der deutsche Freiheitskämpfer Friedrich Staps durch das Buch stolzieren, obwohl das historische Attentat auf den Kaiser erst im Oktober 1809 versucht wurde, also Monate später. Beyle und Staps bewohnen das gleiche Haus in Wien und treffen dort auf ein liebenswertes Fräulein, in das nun Beyle und der Verbindungsoffizier Lejeune sich vergaffen. So läuft dann doch nur das alte Spiel von Liebe und Tod.

Der Roman erzählt panoramaartig. Szenen auf begrenztem Schauplatz, kommentierende Passagen und der Blick vom Feldherrenhügel wechseln einander ab. Wenn auch mal einer der Soldaten den Überblick verliert, der Leser behält ihn leicht: Zwei Tage, zwei Nächte, Vorspiel und Nachspiel, jede Figur steht exemplarisch für einen bestimmten Typ. Mit der Wirklichkeit der Schlacht, die in 30 Stunden 40 000 Tote forderte, hat das wenig zu tun. Hier war der Einzelne Material, das die Kriegsmaschine am Leben hielt und von ihr verbraucht wurde. Bei Rambaud triumphiert die Geschichte des Einzelnen über die Maschinerie. Seine Helden sterben einen scheinbar nur ihnen und extra für sie bereiteten Tod. Viel Zeit wird auf die Ausmalung der Umstände verwandt. Das klingt menschlich, stört aber die Ökonomie der Schlachtbeschreibung. In der Vielzahl der nach immer gleichem Grundmuster geschilderten Episoden verschwinden die entscheidenden Momente des Kriegsgeschehens. Das ist einer der Gründe dafür, dass der Roman so kunstgewerblich wirkt.

Die Individualität der Figuren ist erschlichen, die Unmittelbarkeit ihrer Emotionen wird lediglich behauptet. "In dieser Nacht vor Aspern, das nach wie vor lichterloh brannte, kannte der Hass zwischen den beiden Marschällen keine Grenzen. ,Das ist ja die Höhe! schrie Bessières. ,Dafür wirst du mir büßen! " Nuancen der Sprache, ein eigener Ton für Angriffslust, Erschöpfung, Überdruss oder Wut fehlen. Die Vorgeschichte der Schlacht hat Rambaud ausgespart. Wenn er einmal glaubt, auf historische Information nicht verzichten zu können, dann greift er zum Trick schlechter Geschichtslehrer und legt das Wissenswerte seinen Figuren in den Mund. Nur die letzten Worte fallen knapp aus: "Wagram, Sire". Dort wird Napoleon die Österreicher wieder schlagen. Das Gemetzel geht weiter, will Rambaud dem Leser sagen.

 


Quellen:

  • Prof. Günter Opitz

  • Internet